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Liebe Raviolotten und Ravialenkier,
geschätzte Freundinnen und Freunde der Raviolibar,
eigentlich war ja gar nichts los, und doch begann die Sache irgendwann unübersichtlich zu werden … Sie haben nämlich schon sehr lange nichts mehr von uns gehört, jedoch nicht so lange, wie Sie nun vielleicht denken. Die Sache verhält sich nämlich so: Nach dem fünften Ravioletter vom 15. 12. 2020, den natürlich im ersten Seuchenadvent niemand lesen wollte, folgte in den Lockerungen Ende Mai 2021 ein sechster unter dem Motto «Die Raviolibar haut was raus». Er war kurz und knackig und zumindest mir gefiel er ausnahmsweise sehr. Ein bisschen blöd war nur, dass Roger, mein Chef, einfach vergass, ihn herumzuschicken. Er hat es nicht mal geschafft, ihn auf die Webseite zu stellen (wo schon der vierte und der fünfte fehlen), damit Sie ihn jetzt nachlesen können. Ende Mai öffnete nämlich der Ravioligarten in dert Frankenstrasse wieder, und im Zweifel zählt der schnelle Franken vielfach mehr als das lange Wort von der Kultur und diesem ganzen umsatzschwachen, vergeblichen Firlefanz. Weshalb auch immer noch viel zu wenig Leute die Ravioliplatte «Memories are paid of this» erwarben, auf denen sich alle vorpandemischen Bühnengäste der Bar versammeln.

Der Ravioletter Nr. Sieben entstand dann im Herbst 2021 mehrfach, ohne jedoch beendet zu werden, denn der Chef schickte nach der abrupten Wiedereröffnung nahezu täglich Neuigkeiten über Jollys & Flytraps, Saftgulasch und den Abbau der wenigen unverkauften Bilder von Benedikt Notter. Auch hier im Norden waren die Tage überfüllt; ich nahm drei Anläufe und rammte den Rundbrief schliesslich tief in die vorweihnachtliche Hochinzidenz. Zu lesen gab es andernorts mehr als genug, funny stuff über Elektro-SUVs, Nationaltrychler und andere Letzte-Welt-Probleme.

Also, vergessen Sie einfach die Platte, den Geisterletter Nr. sechs (es ging, nebenbei, um Feinstrumpfhosen) und die ganze Pandemie. Wir sind jetzt weit darüber hinaus und stecken plötzlich wieder kopfüber in den postolympischen Festspielen, in denen sich Schlächter an dem messen, was sie am liebsten machen: am Schlachten von Menschen. Eigentlich sassen wir ja die ganze Zeit als Zuschauer in den Stadien des Krieges, doch übertönten wir eine Zeitlang alles mit eigenem Freiheitsgekreische, liessen die Fluchtboote «mass-voll» untergehen und die Kinder im Grenzwald adventlich erfrieren. Doch nun trat erneut einer in den Ring, der sein Handwerk von der Picke auf gelernt hatte, hofiert und gehuldigt von seinesgleichen und Gegensätzlichen, von Parlamenten und Lobbyisten und natürlich auch von manch Neutralen, die seine Schliessfächli verwalten. Er tat und tut, was er am liebsten macht: er schlachtet Menschen, dass es ihm eine Freude ist. Und auf der anderen Tribüne macht sein Bruder im Geiste schon wieder Dehnübungen für eine Wiederwahl im übernächsten Jahr.

Und nun? Ach ja, der Ravioletter. Also, zurück zur Nummer sieben. Sind Sie eigentlich auch so newslettermüde? Gute drei Dutzend am Tag, da braucht sogar das schlichte Löschen seine Zeit. Und jetzt noch dieser, den Sie anstandshalber lesen, wofür der Chef und ich herzlich danken. Aber schliesslich steht ein Grossanlass an, der keinen weiteren Aufschub mehr duldet: Die Welt sei, wie sie ist; Luzerns schönste Bar feiert Geburtstag!

Vor genau fünf Jahren drehten wir gerade mächtig am Rad, denn für die amtliche Abnahme am 22. März war eigentlich noch viel zu wenig bereit. Alle arbeiteten fast wie in Trance, und am 23. war es tatsächlich geschafft: Die Raviolibar öffnete ihre Tür on the sunny side of the street und wurde in kürzester Zeit zu einem äusserlich zwar überschaubaren, innerlich jedoch schlichtweg gigantischen Tempel der Luzerner Nachtkultur. Schon nach wenigen Tagen (die manche Gäste auch gleich durchgehend bei uns verbrachten) fragten sich manche, ob die Leuchtenstadt ohne diesen hot spot überhaupt noch vorstellbar war. Was hatten wir eigentlich vorher mit unserem Leben gemacht?

Drei Jahre währten die heiteren Bacchanalien; die Korken quietschten, der Tresen schwitzte und auch die kleine Bühne wurde nie kalt. – Dann kam das Ding aus der Maus und zeigte uns seine Spikes. Ab da war alles anders, aber wir blieben letztlich für Euch da – und Ihr für uns. Zwischenzeitlich schlugen die Wellen hoch und in den Pausen wurde auch mal wieder getanzt. Nachdem wir am 1. Oktober des letzten Jahres unter strengen Regelungen mit Türsteher und allem Gebrause wieder öffneten, kamen sogleich Jolly & the Fly Trap zu Besuch. Jedoch war erst wenig wie zuvor: Als El Ritschi am 14. Oktober die eigentliche musikalische Wiedereröffnung vornahm, war die Laune ausgesprochen erfreulich, doch die altgewohnte dampfende Enge blieb noch aus. Auch zum Worse Bands Festival, zu Heligonka, Knopilot und sogar zu Langue Erotique erschien das Publikum leider nur verhalten und spärlich. Lediglich bei Count Gabba und vor allem bei Baba Roga (zu Halloween) hatten wir ein volles Haus und konnten auch die Zapfhähne seit langem mal wieder zum Krähen bringen.

Die Diskussionen über Vorsichten und Regelungen sind müssig; wir haben sie zur Genüge geführt. Es war, wie es war; wer ungeimpft blieb, kam nicht hinein, und auch manche Geboosterten trauten sich noch nicht. Die meisten unserer Gäste blieben solidarisch, geduldig und voller Hoffnung auf neue Wege zum Rausch, doch manch vertraute Gesichter zeigten ihr wahres Gesicht und entschwebten in fernere Zonen des Unverstandes. Wie auch immer; wir beschlossen, bis zur Aufhebung der Massnahmen keine Konzerte mehr zu veranstalten. Den quantitativen, jedoch nicht qualitativen Tiefpunkt erreichten wir dann zu Silvester, das wir mit nur einer Handvoll treuer Besucher*innen bis in den frühen Morgen wegtanzten.

Als am 17. Februar die Einschränkungen wegfielen, feierten wir dies mit einem Konzert von PatMan, und seither läuft manches wieder rund und maskenfrei. Auch die Fasnacht fand tatsächlich statt, mitsamt der legendären Ravioli-Show auf den nächtlichen Gassen, noch in reduzierter Besetzung, aber fast wie eh und je. In der Bar spielten Jolly & the Flytrap, und auf der Strasse gaben uns die Vikinger in voller Besetzung die krachende Ehre. Es war grandios, und so eine Chance liess sich natürlich auch das Virus nicht entgehen: Mitsamt 40 Gästen wurden wir dessen leichte Beute, doch dank der Impfungen konnten wir es auf die etwas leichtere Schulter nehmen. Es musste wohl so sein …

Und jetzt: Unser Geburtstag! Schönstes Wetter ist angesagt; die Crew ist gut aufgestellt und sogar Deborah Ramseier, unsere treueste Mitarbeiterin von Beginn an, ist noch mit im Boot. Die Regale sind gut gefüllt; manch alter Whiskey ist zwischenzeitlich halt noch etwas älter und damit NOCH besser geworden, und auch der Speiseplan ist grundlegend renoviert. Wir sind bereit für Euch, gehen vor Euch auf die Knie und stellen mit vor Erwartung bebender Stimme die bange Frage: «Seid Ihr denn auch bereit für uns?»


  • Bereits HEUTE ABEND, am 17. März, geht es los: Baba Roga kapert die Raviolibühne, und viele von Euch wissen ja schon, was das heisst: Es wird ein Abend, den auch die Nachbarn lange nicht vergessen werden … (Aber sie hatten ja nun wirklich genügend lange ihre Ruhe.)
Neu ist übrigens, dass wir an Konzertabenden mit Eintrittskarten agieren.
Für die Künstler*innen war es allzu oft sehr anstrengend, gegen diejenigen Gäste anzuspielen, die sie eigentlich gar nicht hören wollten. Nun ist es zwar weniger salopp und etwas geregelter, doch für die Kunst auch wesentlich angemessener. Ticket-Reservationen sind jederzeit per Mail möglich (raviolibar@raviolibar.ch).

  • Als Felice Bruno, ein Grossmeister der Illustrationen, am 23. März 2017 seine Ausstellung zu Bar-Eröffnung aufgehängt hatte, versprachen wir uns, dies alle fünf Jahre zu wiederholen. Folglich laden wir am Samstag, den 23. März 17 Uhr zu einem Apéro und zur Eröffnung der zweiten Ausstellung von Felice Bruno ein. Langue Erotique begleitet den Anlass musikalisch.
Achtung: Wer's verpasst, muss dann bis 2027 warten!!

  • Eine wesentliche Neuerung aus dem letzten Herbst ist unsere frühmorgendliche Öffnung: Bereits ab 7 Uhr sind wir für Euch da, mit den exklusiven Kaffeeröstungen des «Morgenmuffel». Auch die Eleganz der Lesekultur wurde aufpoliert; wir bieten nun die NLZ, die NZZ, den Tagesanzeiger und sogar den Blick (sorry) in legendären Wiener Zeitungshaltern, wie es sich gehört. Dem ersten Hunger beim Lesen begegnen wir italienisch, mit Freddys erstklassig gefüllten Cornettos (Schoko oder Aprikose) oder dem Sensationsgipfeli natur. Besser kann ein Tag einfach nicht beginnen.

  • Der Mittagstisch ist nun fast schon Tradition: Täglich bieten wir ein bis zwei Eintöpfe, rotierend: Dienstags kocht «meinRad» für uns vegan, am Mittwoch meistens Daniel Grützel, Spitzenkoch im Bürgenstock, am Donnerstag Barbara ihr legendäres Thai Curry und manchmal auch der Chef. Freitags kocht unser Zuckerbäcker Freddy Krieger eine Wiener Gulaschsuppe, die auch noch für den Abend vorgehalten wird. Und Freddys Apfelstrudel oder Crumble zum Dessert setzt allem noch die Krone auf.

  • Auch mit dem heissen Fleischkäse in der Kaisersemmel versuchen wir es nochmal: Neuerdings kommt er in wirklich weltbester Güte von der Metzgerei Matter, und diesmal, postpandemisch, wird es – wir sind absolut sicher – ein Erfolg!
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Vor vier Tagen las ich im «Spiegel»: «Verschiebung ist ein Merkmal der Pandemie. Das betrifft individuelle Prioritäten während dieser Zeit genauso wie harte Zahlen rund um Leid und Tod. Was sich dagegen nicht ändert, ist die Tatsache, dass Musik im Vergleich zu sonstigen anregenden Substanzen immer noch die gesündeste Droge ist, mit der man sich in Stimmung bringen kann. Möglichst in eine gute, sodass sie hilft. Und das gelingt – weil wir Resonanzkörper sind.»
Der Chef möge es mir zusammen mit der geschätzten Leserschaft verzeihen, dass zum Abschluss nochmal ein wenig Welt ins Spiel kommt. Mit einem Krieg, der vielfach ist, und den wir nicht verdrängen dürfen. Es bleibt eine fordernde Aufgabe, die Welten zeitgleich zu betrachten: dort der Tod und hier die Party. Und auch die Pandemie ist nicht beendet und verlangt ihren Zoll. Ach, und vom Klima ganz zu schweigen … All das wird uns in die Zukunft der Raviolibar begleiten; wir werden es neu lernen: nicht aufgrund der Welt zu trinken, sondern trotz der Welt zu feiern. Uns zu begegnen, zu streiten und in alle Richtungen zu denken, zu hoffen und zu lieben.
Wer tatsächlich meint, hier in einer Diktatur zu leben, wird sich in unserer Freiheit kaum zuhause fühlen. Allen anderen ruft unsere gesamte Thekenbande zu: Na los, wo bleibt Ihr denn? Fünf Jahre Raviolibar, ist das denn zu fassen? Schnell, schnell - heute abend ist Konzert!

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